Landesrat Sebastian Schuschnig im Interview: "Die Betriebe haben den Aufschwung hart erarbeitet!"

Wirtschafts- und Tourismuslandesrat Sebastian Schuschnig (34) will im Tourismus mehr auf Qualität setzen („Betten füllen alleine ist zu wenig“) und fordert mehr Anreize, damit sich Arbeit lohnt. Wir haben ihn zum Interview gebeten.

Wenn man mit Sebastian Schuschnig über den Tourismus spricht, merkt man schnell: er kennt die Branche und brennt für sie. Nicht umsonst, denn sich um Gäste zu kümmern und einen Tourismusbetrieb erfolgreich zu führen war seit seiner frühen Kindheit immer ein Thema. Aufgewachsen in einem touristischen Familienbetrieb am Ossiacher See zog es den studierten Juristen immer wieder zurück an den elterlichen Betrieb, um dort zu helfen. „Aus dem elterlichen Betrieb“, sagt er „kenne ich viele Themen der Branche“ Vor allem habe er, so verriet er uns, mitbekommen, dass Leistung wichtig sei. Wir haben ihn zum Tourismus-Sommerinterview gebeten.

Herr Landesrat, es ist Hochsommer und im Tourismus geht es wieder kräftig bergauf. Die ersten Zahlen der Saison zeigen ein Plus. Wann erreicht der Kärntner Tourismus wieder das Vorkrisenniveau?

Schuschnig: Kärnten hat erfreulicherweise eine solide Vorsaison geschafft. Im Juni wurden sogar mehr Übernachtungen gemeldet als im guten Vorjahr. Die Betriebe und ihrer Mitarbeiter haben sich diesen Etappensieg hart erarbeitet. Kärnten ist als Urlaubsland attraktiv, aber bis der Tourismus generell wieder auf dem Vorkrisenniveau ist, wird es noch zwei oder drei Jahre dauern. Es wird sich aber einiges ändern, es ging ein Ruck durch den Tourismus, den ich durchaus als Chance sehe.

Vieles deutet darauf hin, dass Kärntens Tourismus sich schneller erholt als in anderen Regionen.

In erster Linie ist der Tourismus aber froh, nach den langen Schließungen wieder Gäste begrüßen zu können. Die gute Nachfrage aus dem Inland hilft Kärnten, ohne Zweifel. Die Bilder von vollen Seen sind zwar erfreulich, aber der Kärntner Tourismus ist mehr als nur Sommerurlaub in erster Lage. Letztlich ist aber auch Kärnten ist von den Entwicklungen am weltweiten Reisemarkt abhängig. Wenn aber der deutsche Markt stabil bleibt, bin ich jedoch zuversichtlich.

Gilt diese Zuversicht für den Sommer oder auch darüber hinaus?

Es geht vor allem um einen anhaltenden Aufwärtstrend und eine Stabilisierung der gesamten Branche. Jetzt kommt es auf einen erfolgreichen und vor allem langen Sommer und einen starken Herbst an. Und wir brauchen endlich wieder eine normale Wintersaison ohne Lockdown. Dafür laufenden die Vorbereitungen.

Lässt die Buchungslage einen ähnlich starken Sommer wie im Vorjahr zu?

Ich hoffe auf einen guten Sommer, die Unternehmer sind bestens vorbereitet. Aber die Marktlage war 2020 eine völlig andere. Heuer zieht es wieder mehr Menschen ans Meer, auch andere Faktoren müssen passen, nicht zuletzt das Wetter. Dennoch, die Aussichten für den Sommer sind vielversprechend, aber es gibt noch freie Betten.

Durch Corona hat sich auch der Arbeitsmarkt verschärft. Der Tourismus klagt über zu wenig Arbeitskräfte. Wie sehr alarmiert Sie diese Situation?

Ich bin derzeit in vielen Betrieben, alle schlagen Alarm, auch führende Häuser. Manche müssen sogar zusätzliche Ruhetage einlegen, mitten in der Hochsaison, das muss man sich einmal vorstellen! Wenn zu wenig Personal vorhanden ist, können Hotels und Gastronomiebetriebe schlicht weniger Gäste aufnehmen oder müssen das Angebot einschränken. Diese Spirale nach unten dynamisiert sich. Für den Tourismus sind mangelnde Arbeitskräfte heuer die größere Herausforderung als mangelnde Nachfrage oder Gäste. Wir müssen höllisch aufpassen, dass uns der Arbeitskräftemangel nicht den hart erarbeiteten Aufschwung bremst!

Woran hakt es?

Zum einen haben während der Krise viele die Branche gewechselt. Auch die gleichzeitige Öffnung der Betriebe im Sommer war für den Arbeitsmarkt eine Herausforderung. Wenn aber die Wirtschaft keine Mitarbeiter findet und es andererseits allein in Kärnten über 15.000 Arbeitslose gibt, dann muss man sagen: Irgendwas passt hier nicht, wir haben eine Schieflage im System. Es kann nicht sein, dass wir auf der einen Seite Betriebe haben, die händeringend nach Personal suchen, andererseits Jobangebote ausgeschlagen werden. Wir werden darüber diskutieren müssen, ob wir derzeit nicht die falschen Anreize setzen, die arbeiten und Leistung zu bringen nicht attraktiv genug machen.

Arbeitnehmervertreter meinen, die Unternehmer müssten schlicht höhere Löhne zahlen?

Das zeigt, dass in der Diskussion immer noch zu viel Polemik und wenig sachlicher Diskurs herrscht. Denn viele Betriebe sind bereit, deutlich über dem Kollektivvertrag zu zahlen. Aber sie finden niemanden! Es ist ja nicht nur der Tourismus, der händeringend nach Fachkräften sucht, in immer mehr Branchen wird es zum Problem. Fragen Sie Handwerksbetriebe oder auch an die Industrie. Wir müssen offen diskutieren, über eine steuerliche Entlastung der unteren Progressionsstufen genauso wie über die Zumutbarkeitsgrenzen bis hin zu einem degressiven Modell beim Arbeitslosengeld für jene, die Jobs vielleicht sogar ausschlagen.

Experten rechnen damit, dass in der Krise jeder sechste Mitarbeiter die Tourismusbranche verlassen hat. Von manchen Betrieben hört man, das AMS haben Mitarbeiter sogar aktiv aus dem Tourismus heraus umgeschult. Haben Sie dafür Verständnis?

Auf der persönlichen Ebene, ja. Denn der Tourismus war so hart getroffen wie keine andere Branche. Deshalb war die Kurzarbeit auch so wichtig, um Fachkräfte in der Branche zu halten. Ich habe aber kein Verständnis, wenn Personal aktiv aus der Gastronomie und aus dem Tourismus auf andere Branchen umgeschult wird. Das ist volkswirtschaftlicher Unsinn, hier braucht es eine Kurskorrektur beim AMS. Das spiegelt mir die Branche mittlerweile fast täglich.

Würden Sie auch Ihrem Sohn raten, eine Ausbildung im Tourismus zu beginnen?

Jederzeit! Derzeit schrecken zu viele Junge vor einer Berufsausbildung in der Gastronomie oder im Tourismus zurück. Aus meiner Sicht: Völlig zu Unrecht! Denn die Karrierechancen sind groß! Eine Ausbildung in der heimischen Gastronomie und im Tourismus ist fast eine lebenslange Jobgarantie, und zwar weltweit.

Was tut Kärnten, um mehr Fachkräfte in den Tourismus zu bekommen?

Wir gehen erstens verstärkt in die Schulen, um schon vor der Berufsentscheidung den Tourismus als Karrierechance aufzuzeigen. Bereits über 6.000 Schülerinnen und Schüler haben so praktische Einblicke bekommen. Diese Aktion werden wir weiter ausbauen. Zweitens, wir müssen auch darüber nachdenken, wie man den Tourismus und die Gastronomie als Arbeitgeber attraktiver macht. Wir erstellen dafür zusammen mit der Fachhochschule Kärnten einen Maßnahmenkatalog mit Pilotprojekten. Wir sind bereits sehr weit, im Herbst kommt ein Gesamtkonzept. Und drittens braucht es eine gesellschaftliche Imagekorrektur, eine Aufwertung der Lehre ist überfällig. Vor allem Eltern und Lehrer müssen umdenken.

Kann man heuer wieder von einem erfolgreichen Tourismusjahr sprechen?

Die Frage ist ja, woran wir überhaupt den Erfolg messen. Wir müssen aufhören, das alleine an Nächtigungen und Ankünften festzumachen. Alleine Nächtigungsrekorden nachzujagen sagt noch nichts darüber aus, ob unsere Betriebe unterm Strich auch wirtschaftlich erfolgreich waren, oder wie stark die gesamte Wirtschaft davon profitiert. Wir müssen vielmehr die Wertschöpfung der gesamten Branche in den Fokus rücken. Die Zeiten des reinen Nächtigungszählens sind vorbei. 

Worum geht es dann?

Es geht vor allem um die Preisdurchsetzung, hier hat Kärnten Aufholbedarf. Kärntens Tourismus hat bei der Qualität stark aufgeholt, bieten den Gästen sogar exzellente Spitzenleistungen. Aber die Preise hinken dem hinterher. Und das, obwohl wir in anderen Regionen sehen, dass die Gäste durchaus bereit sind, für gute Qualität auch die angemessenen Preise zu zahlen. Es braucht mehr Mut, die Leistung nicht selbst schlechter zu bewerten, als sie sind! Wir matchen uns nicht mit Billigstanbietern.

Kärnten soll also mehr auf Qualitätstourismus setzen?

Eindeutig ja, denn spätestens mit Corona ist die Zeit des Hypertourismus vorbei. Die Koordinaten für eine erfolgreiche Destination haben sich geändert, das hat sich auch schon vorher abgezeichnet. Nur Qualität ist der Schlüssel zu mehr Wertschöpfung.  Auch die Statistik zeigt, dass in den höheren Segmenten und im Qualitätstourismus das Comeback besser und schneller gelingt.

Wie reagiert die Tourismuspolitik darauf?

Wir investieren beispielsweise mit den Regionen und der Kärnten Werbung bis 2023 insgesamt 2,7 Mio Euro in eine Qualitätsinitiative. Qualitätscoaches werden jährlich 900 Betriebsberatungen durchführen, auch Digitalisierung der Betriebe wird dabei eine große Rolle spielen. Erstmals wird ab heuer auch die Wertschöpfung der Branche regelmäßig statistisch erfasst. Auch damit soll ein Umdenken erfolgen.

Sie haben nach jahrzehntelanger Diskussion die Tourismusregionen modernisiert und die Strukturen verschlankt. Was haben Sie noch vor?

Die neue Regionsstruktur wurde in Zusammenarbeit mit Tourismusexperten und den Regionsverantwortlichen in einem breiten Prozess erarbeitet. Mit 2022 werden die ersten Großregionen die Arbeit aufnehmen, viele kooperieren bereits jetzt. Die Stimmung ist positiv. Nun folgt der nächste Schritt, wir wollen auch die Tourismusverbände stärker gemeindeübergreifend organisieren. Von der neuen Struktur wird vor allem der Gast profitieren.

In Kärnten findet immer noch sechs von zehn Nächtigungen im Hochsommer statt, wie Abhängigkeit vom Sommer ist hoch. Das hat auch der Rechnungshof bemängelt. Wie wird darauf reagiert?

Es gibt eine Vielzahl an Maßnahmen, beispielsweise investieren wir eine Million jährlich alleine in eine Herbstoffensive. Jeder Euro, mit dem das Land neue Infrastruktur fördert, ist nebensaisonbelebend, dies ist Fördervoraussetzung. Und auch bei den Veranstaltungen habe ich ein neues Anreizsystem eingeführt: Veranstaltungen, die in der Nebensaison stattfinden und zusätzliche Gäste bringen, erhalten einen Bonus, wenn sie mitten in der Hauptsaison stattfinden, gibt es einen Malus. Ein klarerer Lenkungseffekt.

Sie selbst sind bekennender Fan von Urlaub in Kärnten. Wo verbringen Sie heuer Ihre Auszeit?

(Lacht) Natürlich wieder in Kärnten. Es geht ein paar Tage mit der Familie an den Weißensee.

Vielen Dank für das Interview.

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Sommer-Interview mit Landesrat Sebastian Schuschnig

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